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(Video- und Foto)-Tagebuch
Thomas Wascher
Camino de la  Costa / Camino del Norte
15.08. bis 27.08.2011
15.08.2011


Ich bin am Ende... Eine Katastrophe jagt die nãchste...Es fing schon gut an, mit einer doch recht betagten 737. Ich hasse Boeing 737's weil die leider immer häufiger wie die Eintagsfliegen vom Himmel fallen. Zum Glück war es Air Berlin, da hatte ich dann doch ein wenig mehr Vertrauen in die Technik und Wartung als bei Ryanair oder irgendeinem anderen Billigflieger.

Der Flug war okay und der Service wie immer vorbildlich in dieser Klasse. Nach der Landung wartete ich auf mein Gepäck und musste feststellen das ich der einzige Depp war, der sein Fahrrad auseinander gebaut und verpackt hatte. Als mein Fahrrad schließlich auf dem Gepäckband lag, begann ich sofort damit mit dem Messer die Verpackung zu entfernen und trennte mir dabei fast die Fingerkuppe ab. Das ganze blutete wie Sau und wollte auch nicht aufhören, sodass es schließlich von der netten und freundlichen Airport-Ärztin genäht werden musste. Die Spanier hier waren wirklich sehr hilfsbereit.


(Ja, dieses tolle ansichtskartenähnliche Bild habe ich selber gemacht,; mit meinen HTC-Desire HD

Dann zurück zum Gepäckband und dort musste ich dann zu meinem Entsetzen registrieren, dass mein Rad die liebevolle Behandlung durch die Flughafenmitarbeiter in Düsseldorf nicht so gut überstanden hatte. Über eine Stunde durfte ich rumwerkeln bis wieder alles im Lot war, was dazu führte das die Naht meiner Wunde wieder aufplatzte und ich über und über mit Blut und Reparaturschmutz bedeckt war. Ich zog mir die Fäden und tapte die Wunde mit Klebeband und hoffte inständig das meine letzte Tetanus-Spritze von vor 22 Jahren immer noch wirkt...

Endlich raus aus dem Flughafen, nahm ich den Bus bis Bilbao und wollte mir dort etwas zum verbinden kaufen, musste jedoch feststellen das heute Feiertag in Spanien ist, und zwar zu St. Jakobs ehren... Ironie pur... Ausserdem ging plötzlich mein Smartphone  nicht mehr
(zum Glück nur eine Fehlbedienung meinerseits) und im Zuge der Aufregung darüber habe ich meinem Helm irgendwo zwischen Guggenheim-Museum und Plaza del Esanche liegengelassen und um das ganze abzurunden fing es auch noch an zu regnen, sodass ich mich entschloss hier Schluss zu machen und erst einmal in eine Herberge einzuchecken.

Damit bin ich am ersten Tag keine 10 km weit gekommen. Wahrlich kein Ruhmesblatt, da sind ja die Fußgänger schneller. Eigentlich hatte ich für heute geplant bis nach Santander zu radeln. Damit hinke ich bereits am ersten Tag einen ganzen Tag hinter meinen Zeitplan her. Ausserdem habe ich gemerkt das15 Kilo Gepäck einfach viel zu viel sind, weshalb ich einiges wegschmeissen werde, u.a das Zelt.... Oder aber ich schicke es nach Hause zurück....

Gab es auch etwas Erquickliches am ersten Tag? Ja, die Herberge ist wirklich gut und ich habe mir ein teures Einzelzimmer gegönnt und der Anblick des Guggenheim-Museum wiegt vieles auf... Aber: noch so ein Tag und ich gebe auf...



16.08.2011


Santander... Perle der spanischen Nordküste. Aber von Anfang an... gestern Abend hatte ich noch ein wenig Bilbao erkundet und festgestellt das es nur an der Oberfläche schön ist, im Inneren jedoch ganz schön verfault. Aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit gibt es einige Bezirke die man tunlichst meiden sollte. Wenn z.B. jemand  abends mit einem Begehrlichkeiten weckenden Smartphone durch diese Bezirke läuft wird, dann wird man schnell mal von ein paar Afrikanern verfolgt. Dann heißt es Schutz suchen bei einer Guardia Civil Streife, die hier überall mit Maschinengewehren patrouillieren.

Naja, wenigstens habe ich gut geschlafen. und mein Finger blutet nicht mehr ununterbrochen, sondern nur noch wenn ich dran komme. Also machte ich mich früh auf die Beine... Vorher jedoch ging ich zur Post um Zelt, Schlafsack, ein paar Klamotten und andere überflüssige Dinge nach Hause zu schicken. Correos nennt sich die Post hier und die Preise sind echte Nackenschlãge. Als der junge Beamte für ein 7 Kilo Paket 67,05 EUR wollte bin ich fast in Ohnmacht gefallen. Ich versuchte ihm klar zu machen dass die Verpackung nicht aus Gold sein muss, aber der Preis blieb. Der Inhalt des Pakets war kaum mehr Wert als der Versandpreis und wenn der Schlafsack nicht meinen geliebten Töchtern Alexandra und Vanessa gehören würde, hätte ich das Zeug eher weggeschmissen, als zu diesem Preis verschickt.


(Sind gar nicht so teuer wie ich oben beschrieben habe; es war einfach ein Missverständnis und ich habe Express gewählt statt Normalversand...)


Das gute daran: mein Rucksack war nun 4,5 Kilo leichter. Man kann sich kaum vorstellen wie viel die paar Kilo ausmachen. Das ganze Leben erschien mir plötzlich leichter... und so machte ich mich trotz allem mit neuen Mut auf den Weg nach Santander. Eigentlich wollte ich bis San Vicente de la Barquera um meine Rückstand von gestern wieder wett zu machen, aber das schminkte ich mir schnell ab. Ständig ging es auf und ab, mit Steigungen von 10 und mehr Prozent. Praktisch nie (besonders extrem ist Bilbao und die Umgebung wo manchmal wahnsinnige Höhenmeter zu überwinden sind) geht es mal flach geradeaus. Das ist zwar Landschaftlich toll, aber fürs Radfahren oder Wandern sehr erschöpfend. Ich kann den Camino del Norte nur ausgesprochen fitten Leuten empfehlen. Selbst ich brauchte für die knapp 89 Kilometer (wenn man die Fähren benutzt, ansonsten sind es 20 km mehr) ziemlich genau 8 stunden und stand immer kurz vorm Kreislaufkollaps, obwohl ich mir die Strecke aus Bilbao heraus bis nach Santurtzi (ca. 10 km) mit Hilfe der Metro sparte.





Dennoch waren  die "restlichen" 79 Kilometer ganz schön anstrengend.  Ich glaube ich habe an diesem Tag  5-6 Liter Flüssigkeit zu mir genommen, wobei ich darauf geachtet habe nicht nur Wasser zu mir zu nehmen (was sehr gefährlich wäre), sondern zur Hälfte Cola und auch etwas Milch... Trotz meines Enthusiasmus war ich schon nach weniger als der Hälfte der Strecke sehr erschöpft. Die Fähren in Laredo und Somo waren zwar nette Unterbrechungen, aber viel zu kurz um sich zu erholen.

In Santander angekommen besorgte ich mir als erstes einen Stempel beim Tourismusbüro und dann ein billiges Hotel. Hotel Liebana, Zimmer Nummer 4. Merkt euch die Nummer falls ich mich nicht mehr melden sollte, denn der Portier sieht aus wie einer von Al Quaida und der Geschäftsführer als wolle er mich in der Nacht überfallen und ausrauben... und das Publikum hier sieht so ähnlich aus... Allerdings: das Zimmer und die sanitären Einrichtungen waren sauber und gepflegt.


(Quelle: Internet)


Santander selber ist schön. Mediterran. Mittelmeer-feeling an der Atlantikküste, aber auch ganz schön kommerziell. Viele kleine und teure Geschäfte, alles ziemlich teuer und völlig überlaufen. Touristenstadt eben, dabei ist das Wetter hier sehr wechselhaft. Das Wetter kann innerhalb von 30 Minuten 4 mal wechseln, von Sonnenschein, auf Sturm, dann wieder Sonnenschein mit Wolken und dann kurzer Regen...auf den Tag verteilt ganz schön nervig...

Morgen werde ich ein bisschen schummeln müssen und die Strecke bis San Vicente de la Barquera mit der Bahn zurück legen und dann weitere 60 Kilometer nach Ribadesella/Garana radeln, um meinen Rückstand aufzuholen vom ersten Tag aufzuholen.. Ansonsten würde ich es nicht schaffen bis Garana, wo ich bereits ein Hotel gebucht habe...  nun muss ich aber meinen Verband wechseln und dann ab ins Bett... bis Morgen....


(Sehr, sehr gute Bahngesellschaft!!!!)

17.08.2011


Bundeswehrtaschenmesser (Victorinox): Achtung, scharf! :)

Heute Abend gehe ich echt auf dem Zahnfleisch. Aber fangen wir von vorne an:

Die Nacht habe ich gut überstanden obwohl  mitten in der Nacht jemand versuchte in mein Zimmer zu kommen. Vermutlich ein Besoffener, aber dennoch habe ich sofort mein Messer gezückt, bereit mein Leben und meine Unschuld :) aufs äusserste zu verteidigen (ja genau das Messer mit dem ich mich fast selbst massakriert hatte). Zum Glück gaben sie schnell auf und versuchten es ein paar Sekunden später an einer anderen Tür erfolgreicher...


Am morgen bin ich dann wie geplant mit der Feve, einer Bahngesellschaft, die die ganze Küste verbindet, gefahren. Ganz toll. Fahrrad umsonst, preiswert, bequem, pünktlich und vor allen Dingen sehr sauber (selbst die alten Züge) und komfortabel und informativ. Jede Haltestelle wird angesagt und in einem LCD-Bildschirm angezeigt. Und die immer mitfahrenden Zugbegleiter sind freundlich und hilfsbereit. Und obwohl die Bahn gut angenommen wird und der Zug immer voll ist, finden alle einen Sitzplatz. Man sollte die arroganten Geschäftsführer der deutschen Bundesbahn nach Spanien zum Lernen prügeln... Übrigens habe ich hier zum ersten mal auch andere Pilger getroffen...


Wo bin ich? Etwas konsterniert am Bahnhof von San Vicente de la Barquera


Am späten Vormittag kam ich dann in San Vicente de la Baquera an und bekam erst mal einen Schock. Ich stand plötzlich mitten in der Pampa. Zwei Häuser, ein Bahnhofshäuschen und Unmengen an Gras und Gestrüpp. War das etwa San Vicente de la Barquera? Mir lief es eiskalt den Rücken runter, aber San Vicente war tatsächlich zum Glück "nur" rund 4 km entfernt, wobei 4 km im kantabrischen Gebirge dasselbe sind  wie 10 im Rheinland.

Endlich angekommen überraschte mich San Vicente angenehm. Touristadt aber mit mittelalterlichem Flair. Ich habe zwar den Strand nicht gesehen und aufgrund des launischen Wetters kann ich die Nordküste einfach nicht empfehlen, aber dieser Ort hier war wirklich schön. Und vor allen Dingen konnte man hier gut essen, in erster Linie Meeresfrüchte. Besonders beliebt bei allen: Bar Colon. Preiswert und lecker... allerdings muss man oft auf einen freien Tisch warten... auch ich habe da für 5.70 EUR lecker gegrillte kleine Tintenfische gegessen mit Unmengen an Knoblauch... es gefiel mir gut aber ich musste weiter nach Ribadesella und von dort nach Garana zu meinem Hotel... also brach ich nach einer kurzen Besichtigung der Calle Alta auf in Richtung meiner heutigen Endstation, die mir noch viel Ärger bereiten sollte.....


Sehr, sehr diesiges Wetter im ansonsten wunderschönen San Vicente de la Barquera)







Also die Strecke nach Ribadesella war recht leicht zu finden, aber sehr anstrengend. Auf und ab, und nicht nur ein bisschen...man hatte immer das Gefühl die Straße endet nie, aber irgendwann gegen 19.00 Uhr war ich dann endlich in Ribadesella. Ich war zu erschöpft um mir noch einen Stempel zu holen und wollte nur noch ins Hotel... Die 9.5 km bis Garana, dachte ich mir, schaffst du noch alleine und schaltete mein HTC an und liess mich führen. Hier muss ich mal etwas sagen: Smartphones for President. Diese Dinger sind einfach eine Wucht und aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken. Die einen tragen Laptop, Handy, Kamera, Camcorder, Übersetzer und Navigationgerät mit sich rum und ich mein Smartphone das all diese Dinge in sich vereint. Und es hat mich bis jetzt nie im Stich gelassen, obwohl es in Schlamm gefallen ist, nass wurde, auf den Steinboden geknallt ist, etc, etc....



Aber zurück zum Ausgang meiner Abschweifung: dummerweise hatte ich Fußweg beim navigieren angegeben und so führte mich das GPS-Signal auf ein unbefahrbaren Trampelpfad, der schlimmer, schlammiger und undurchsichtiger wurde, je länger ich ihn ging. Und plötzlich ging gar nichts mehr: Der sowieso kaum vorhandene Weg war gänzlich verschwunden und die zweite Batterie meines HTC Desire HD hatte nun auch ihren Geist aufgegeben. Ich stand mitten im verwaldeten, moorartigen Niemandsland, schweissgebadet und über und über mit Schlamm und Dreck bedeckt und wusste weder wo ich war noch wo es hier rausging. Und draussen wurde es bereits dunkel. Ich sah mich schon die Nacht im Morast verbringen, aber zum Glück brachte ich mein HTC noch mal für ein paar Sekunden zum Laufen. Um dem komplizierten Weg nach Garana zu finden reichte weder mein Verstand noch die wenigen Sekunden Batterie die ich noch hatte, also liess ich mir den Weg zur AS 263 anzeigen und versuchte mir den Strassenplan, der echt nur 10-15 Sekunden angezeigt wurde ehe mein HTC stromseitig endgültig abschaltete, einzuprägen. Auf der AS 236 wüsste ich dann schon wieder wie ich wenigstens nach Ribadesella kommen konnte.

Lange Rede, kurzer Sinn: obwohl der Verzweiflung nahe fand ich irgendwie den Weg aus dem Schlammwald und schaffte auch die bergigen gut 8 km bis Ribadesella vor der totalen Dunkelheit zurück. Und dann stand ich da: mitten im rammelvollen, belebten Touriviertel: schwitzend, uebelriechend und (wie auch mein Fahrrad) völlig verdreckt... aber das war mir egal. ich suchte mir ein Taxi, das mich und mein Fahrrad nach Garana fahren sollte. Der Taxifahrer lief zwar grün an 
als ich ins Auto stieg und die Schlammbrocken Sitz und Teppich verdreckten, aber dafür gab ich ihm ein gutes Trinkgeld...

Und das Hotel ist wirklich klasse, aber dazu morgen mehr. Ich bin jetzt erschöpft und muss dringend in die Heia...
18.08.2011

Eingang Hotel Garana


Ich habe sehr gut geschlafen. Das zu einem Campingplatz gehörende Hotel war wirklich angenehm und für spanische Verhältnisse sehr sauber und ruhig. Leider ist es fernab jeglicher Zivilisation und hier zu Campen halte ich für ziemlichen Unsinn. Aber was weiss ich schon?! Ich halte auch Camping im Westerwald für Schwachsinn, aber es gibt eben Leute die schwören drauf. Jedem das Seine...

Zweimal habe ich meine Sachen gewaschen, aber sie sind immer noch schmutzig. Ich vermute es liegt an der Waschmaschine des Hotels. Auch mich selber habe ich gestern Abend mehrfach abgeschrubbt, bis der ganze Schlamm ab war. Bei meinem Fahrrad erwies sich allerdings auch der zehnte Reinigungsversuch als vergebene Liebesmüh, weshalb ich nur die wichtigen Teile wie Bremsen und Schaltung reinigte.

Von Garana fuhr ich über die Dörfer (Llames) und die AS263 zurück nach Ribadesella um mir dort einen neuen Rucksack zu kaufen. Mein Rucksack hatte sich leider als unbrauchbar und gefährlich erwiesen. Ich hatte ja meinen Helm verloren und mir am darauffolgenden Abend einen neuen gekauft (für teure 45 Euro). Leider musste ich am nächsten morgen feststellen, dass ich den Helm nicht tragen konnte, da das Metallgestell des Rucksacks den Helm beim fahren ständig nach oben drückte, sodass ich vorne nichts mehr sehen konnte bzw. meinen Kopf gar nicht hochbekam. Deshalb war ich gezwungen ohne Helm zu fahren. Schlimmer noch war aber das bei steilen Abfahrten das Alugestell auf Kopf und Genick drückten und zwar so heftig, das bei einer Vollbremsung das Genick theoretisch hätte brechen können. Ich hatte kein Wahl und kaufte für 50 EUR einen neuen, kleineren Rucksack, entsorgte mal wieder ein paar Klamotten und liess den alten Rucksack am Straßenrand stehen. Zum Glück hatte ich (besser gesagt meine Mutter) das Ding für 7 EUR gebraucht gekauft.... dennoch entwickelt sich das ganze langsam aber sicher zu einem finanziellen Desaster. Naja. die Bank hats ja.

Die Fahrt nach Gijon war extrem öde. Ausser das ich das erste mal auch auf andere Radpilger aus Frankreich traf, die zwar sehr nett waren, aber leider viel zu langsam. Überhaupt ist es sehr enttäuschend wie wenige Pilger man auf dem Camino del Norte trifft. Z.B. in der ersten Herberge war ich der einzige Pilger von 40 Personen. Da waren zwei britische Teenager die in Bilbao Urlaub machten, eine Japanerin auf einer Europatour, eine Gruppe Franzosen auf dem Weg zu einem Paintballturnier, sowie eine Handvoll Dauergaeste. Und ein älteres Ehepaar aus der Schweiz, von denen ich glaube das sie ebenfalls Pilger waren, aber es mir gegenüber nicht zugaben, weil ich gesehen hatte wie sie mit dem Auto angereist waren und auch wieder abreisten und das Auto etwas entfernt von der Herberge geparkt hatten. Überhaupt trifft man die meisten Pilger nicht auf den Pilgerwegen, sondern in der Feve, der Küstenbahn oder in den Bussen bzw.  an deren Haltestellen. Das ist ein offenes Geheimnis. Und man kann es den Fusspilgern nicht verdenken. Als Radfahrer nutzt man die Bundes- und Landstraßen und die sind gut asphaltiert. Aber die Pilgerwege auf dem Camino de la Costa  sind oft wegen des ständigen, kurzen Regens aufgeweicht und morastig oder kaum als Wege zu erkennen und dazu meist extrem steil.

Hinzu kommt. das die Spanier Probleme mit Schilder aufstellen haben. So ist es mir schon mehrfach passiert, das ich einem Schild gefolgt bin und plötzlich ein Schild auftauchte, das wieder in die Gegenrichtung zeigte. Das liegt daran das die Spanier schon mal gerne darauf verzichten, nach längerer Geradeausfahrt mit einem Schild darauf hinzuweisen, das man nun hätte abbiegen müssen. So kann es einem (wie mir mehrfach) passieren, das man zwischen zwei Schildern hin und her geschickt wird, weil man nicht die hellseherische Fähigkeit besitzt zu erkennen, das man auf halber Strecke hätte abbiegen müssen. In solchen Fällen ist ein Navi wirklich Gold wert, weil man ansonsten verrückt wird...

Aber in einer Sache muss ich die Spanier loben. Von den 50 mal an denen ein Kfz in hoher Geschwindigkeit recht knapp an mir vorbeigeschossen war, handelte es sich 2-3 mal um Spanier, ansonsten waren es fast ausschließlich Deutsche und Holländer und hier und da mal ein Franzose. Die Spanier machen fast immer einen großen Bogen um Fahrräder. Wirklich vorbildlich...

Zurück zu den Pilgern. Wie gesagt kann man es Keinem veruebeln, das er hin und wieder die Bahn nimmt. Auch ich bin oft versucht und wenn es zeitlich knapp werden sollte werde ich das auch tun. Der Camino del Norte ist einfach ein ganz anderes Kaliber als der Camino Frances, der besser ausgezeichnet, flach und fast immer trocken ist und auch moderner und asphaltierter. Ich denke viele Fusspilger, aber auch Radpilger haben wie ich den Weg unterschätzt. Beim Camino Frances kann man am Tag gut 90-100 km mit Rad zurück legen, auf dem Camino de la Costa ist das nicht möglich. In Bonn brauche ich ca. 30-35 Minuten für 10 km. Hier an der Küste im kantabrischen Gebirge brauche ich etwa 45-50 Minuten. Das sieht im ersten Augenblick nach keinem grossen Unterschied aus, aber dieser Unterschied potenziert sich mit jeden weiteren 10 Kilometern, weil man durch das auf und ab unglaublich viel Kraft lässt. Die Abfahrten helfen einem dabei kaum. Ganz im Gegenteil: man muss sich sehr konzentrieren und ist ständig mit bremsen beschäftigt. Verliere ich in Bonn mit 40-45 Minuten auf den zweiten und dritten 10 Kilometer und vielleicht 60 Minuten auf den vierten und fünften 10 Kilometern, kaum Zeit auf die ersten 10 Kilometer, ist das hier ganz anders: Für die zweiten 10Kilometer brauche ich schon eine Stunde und für die dritten und vierten 10 km auch schon mal 70-90  Minuten und fur alle weiteren u. U. noch länger. Wer behauptet er wäre 100 km auf dem Fahrrad an einem Tag (mit Gepäck wohlgemerkt) auf dem Camino de la Costa  gefahren, lügt oder hat die Bahn benutzt. Und schon gar nicht schafft man das an mehren Tagen hintereinander. Mein Maximum jedenfalls war bisher die Fahrt von Bilbao nach Santander mit knapp 80 und da war ich noch fit wie ein Turnschuh...

Gijon ist übrigens eine Stadt wie Bonn. Wie Bonn, nur mit Strand und einen malerischen Yachthafen. Kaum Tourihaft, höchstens an der Strandpromenade. Man kann hier prima einkaufen und wenn das Wetter nicht so wechselhaft wäre, könnte man hier toll Urlaub machen...


Strand von Gijon / Hotel Leon

Eigentlich wollte ich diesmal pilgerlike in einer Herberge oder Pension einkehren, zumal zwei Pensionen vom meinem Reiseführer positiv gerühmt wurden.  

Vergessen sie die Pensionen und die Jugendherberge! Mal abgesehen davon, das sie mit einer Wahrscheinlichkeit von 99% keinen Platz finden werden, sind die von verschiedenen Führern empfohlenen Pensionen auf der Calle de San Bernardo (speziell Hausnr. 30 mit der Pension Gonzales und der Pension Argentina) bei weitem nicht so toll wie angepriesen. Schon äusserlich wenig anheimelnd, wurde ich von den Pensionsbesitzern wenig freundlich empfangen oder direkt abgewiesen. Und die Jugendherberge, die ständig überfüllt ist, liegt zu weit ausserhalb. Gehen sie statt dessen auf der Calle San Bernardo weiter in Richtung Innenstadt (lassen sie sich davon auch nicht durch die  Bauarbeiten abbringen, sondern umrunden sie diese), bis sie auf die „Avenida de la Costa“ treffen. Links können sie dann schon wahrscheinlich das Hotel Leon sehen. Das Hotel ist jetzt von aussen  nicht der Hammer, aber preiswert, sauber und gut genug und ich durfte sogar das Fahrrad mit auf mein Zimmer nehmen (Hotel Leon, Avenida de la Costa 45, Gijon). Da es ein Hotelkoloss ist, kriegen sie auch fast immer ein Zimmer für eine Nacht notfalls im 5 oder 6 Stock.

Ich denke von jetzt an, werde ich bei Hotels bleiben. Erstens bekommt man sowieso nie einen Platz in den guten und preiswerten Herbergen/Pensionen, es sei denn man ist bereit auf dem schmuddeligen Boden oder in irgendwelchen Kammern oder im nassen Badezimmer zu übernachten. Die meisten Pilger schlafen draussen im Freien oder in billigen Hotels, da die Herbergen, zumindest die gerade noch zumutbaren, auf dem Camino de la Costa rar gesät und zu 99% in der Sommerzeit ausgebucht sind (weniger mit Pilgern, als mit jugendlichen Urlaubern). Und für Personen jenseits der 30 Jahre sind diese Herbergen / Pensionen (die oft auch nur Personen unter 30 Jahren aufnehmen) sowieso nicht geeignet. Nächte in solchen Unterkünften können soviel Kraft kosten wie 80 km Fahrt auf dem Camino de la Costa. Und das macht keinen Sinn. Die Nacht ist zum erholen da,  das hat schon der Apostel Jakob so gesehen.

Also mit 8 oder 10, manchmal sogar 20 Mann auf einem Zimmer zu liegen kann von mir keiner erwarten. In der erste Herberge in Bilbao hatten die mir zuerst ein Vierbett-Zimmer angeboten. Da bin ich rein, roch die Füsse des Einen und hörte das schnarchen des Anderen und bin rückwärts wieder raus. Und hab mir ein doppelt so teures Einzelzimmer geben lassen. Es reicht wenn ich mich tagsüber erschöpfe, dass muss nicht auch noch Nachts haben.


Das ist noch eine äusserst gepflegte Luxus-Herberge. Auf so etwas werden sie nicht oft treffen....

Das ist für heute alles. Morgen weiss ich noch nicht so recht wo ich hinfahre. Geplant hatte ich eine Weiterfahrt bis nach Cudillero um dort zu zelten, aber da ich mein Zelt zurück geschickt habe, geht das nun nicht mehr... Ich lass mal alles auf mich zukommen..... Bis morgen.
19.08.2011

Die Nacht habe ich nicht so gut geschlafen. Ich war einfach zu müde um einzuschlafen und brachte es daher nur auf 2,5 Stunden Schlaf. Am Morgen war ich natürlich ziemlich gerädert. Aber die Strecke heute sollte ja nur 47 Kilometer  lang sein, also alles halb so wild. Dachte ich. Und deshalb verzichtete ich anders als sonst beim Frühstück auf Kohlehydrate und gönnte mir statt dessen mal ein amerikanisches Frühstück mit viel Fett und Eiweiss und Kalorien. Ein Fehler wie ich schon auf den ersten Kilometern der Strecke nach zuerst Aviles merkte. Morgens mit Kohlehydraten zu starten ist bei so einem Pilgermarathon unabdingbar. Nur Kohlehydrate (z.B. morgens durch Toast mit Nutella oder Marmelade oder Cornflakes) geben ausreichend Kraft. Und auch während der Fahrt oder des Pilgern muss man den K-speicher ständig oben halten, z.B. durch trinken von Cola o. ä. Zuckersäften oder durch Traubenzucker.... Tut man das nicht und bekommt einen Hungerast, dann wars das. Dann gehts nur noch im Schneckentempo weiter.

Genau das ist mir heute passiert. Heute habe ich mehr neben dem Fahrrad gestanden als auf ihm gesessen. Vor allen Dingen am Anfang. Dazu kam noch das die Strecke gerade am Anfang besonders lang und steil war, wie noch nie zuvor und sich wie Kaugummi zog. Und natürlich blieb es - dank der üblichen fehlenden Schilder - nicht bei den 47 Kilometern. Der Ausdruck meines Routenplaners und auch die Schilder wiesen mich darauf hin, das ich von Gijon aus auf die AS118 in Richtung Aviles fahren muss bis zur AS19. Tja nur kam keine Abzweigung auf die AS19 bzw. wurde sie mal wieder nicht ausgewiesen. Als lange Zeit kein Hinweis mehr auf Aviles gekommen war, wurde mir klar das ich mal wieder auf die Schilder bzw. die fehlenden Schilder reingefallen war. Was mir mein Navi (das ich gerne dauernd benutzen würde, aber das kostet zu viel Strom) dann auch bestätigte und mich über Dörfer und Wald zurück nach Aviles führte. Gut 7 Kilometer hat mich der Umweg gekostet. Da waren es dann schon 54 Kilometer. Der Rest von /Aviles nach Cudillero funktionierte dann zum Glück reibungslos,wenn auch  sehr anstrengend. Trotzdem schaffte ich die 54 Kilometer in sagenhaften 7 stunden (ironisch gemeint), da es mir gegen Ende der Strecke - dank mehreren Litern Cola und Fanta die meinen K-Speicher aufgefüllt hatten - wieder besser ging.


Cudillero nach der langen Steigung von oben  und Hotel Lupa (San Juan bei Cudillero)

Endlich in Cudillero angekommen ging ich sofort zum Tourismus Büro (Tourismo officinale) und liess die für mich ein Einzelzimmer suchen. Sie nannten mir das Hotel Lupa, ein Pilgerhotel das mir als Pilger ein Einzelzimmer für 24 EUR geben wollte. Ich war zwar skeptisch, aber hatte auch nicht viel Wahl und war ausserdem hundemüde. Sie zeigte mir den Weg nach San Juan (ein Vorort von Cudillero). Auch hier war ich etwas verwundert, denn ich war mir eigentlich sicher, da wo ich gerade herkam, vor etwa 2,5 Kilometer, ein Richtungsschild mit der Aufschrift "Hotel Lupa" gesehen zu haben. Aber die Frau vom Tourismusbüro zeigte genau in die Gegenrichtung. Sicherheitshalber befragte ich noch mein Navi und der stimmte der Frau zu und zeigte 5 Kilometer Entfernung an.

Was er nicht anzeigte und auch die Frau nicht sagte: nach 850 meter ging es auf 2 km Länge 14% -16% Steigung nach oben. So was habe ich noch nicht erlebt... 99% dieser 2 km habe ich mein Rad geschoben und ca. alle 250-350 Meter eine Pause von 5 Minuten eingelegt. Nach den 2 Kilometer war ich so erschöpft das ich mich fast übergeben hätte.

Der Weg wurde danach nicht viel leichter aber vor allen Dingen: je näher ich dem Hotel kam umso mehr schwante mir etwas. Und tatsächlich: 1 km vor dem Ziel erkannte ich das ich einmal um Cudillero herumgeführt worden war und das ich mich richtig erinnert hatte: hätte ich mich am Tourismusbûro einfach umgedreht und wäre den Weg zurück gegangen, hätte ich mir nicht nur 2.5 Kilometer Weg gespart, sondern auch dieses urig steile Stück. Okay, das mich so 'ne Zussel auf den falschen Weg führt kann ja passieren, aber mein Navi?! Doch dann würde mir klar warum er mich auch auf den längeren Weg geschickt hatte: ich hatte diesmal auf "Kfz" gestellt und er konnte mich nicht zurück führen, weil die Strasse auf der ich angekommen war eine Einbahnstraße war. Hätte ich Fußgänger eingestellt, hätte er mich zurück geführt. Wie man es macht ist es verkehrt: wählt man Fußgänger, führt er einen u.U. auf unbefahrbare Wege, trägt man Auto ein, beachtet er natürlich die Einbahnstraße...

Gegen kurz nach 18.00 Uhr war ich dann endlich am Ziel, wobei ich für die letzten 5 km etwas über 1 stunde gebraucht hatte....Und wurde angenehm überrascht: die Hotelanlage bestand aus je einem 4, 3 und 2 Sterne Hotel, wobei das 2 Sterne Hotel für Pilger und Jugendliche reserviert ist. Aber sauber und nicht schlechter als das Hotel Leon von gestern, wo ich mehr als doppelt so viel gezahlt habe. Also Einzelzimmer mit Bad und Frühstück für 24 EURo  da kann man nicht meckern... Also Tipp von mir: wenn Camino del la Costa, dann auf jeden fall über Cudillero und Hotel Lupa...


Restaurant Lupa (hier gibts das tolle, kostenlose Frühstück für Pilger....)

So Schluss jetzt, muss noch meinen Pulpo (Kraken) auf Bratkartoffel essen....




20.08.2011


Das war noch der leichte Teil der Strecke, das härteste hatte ich noch vor mir...


Heute war der härteste Tag. Rückblickend kann ich es immer noch nicht fassen, das ich das überstanden habe. Dabei hatte der Tag so gut angefangen...

Am morgen bin ich voller Elan aufgestanden. Ich hatte fantastisch geschlafen und das Frühstück tat sein weiteres. Da ich auch in dieser Pilgerherberge nur 3 junge Italiener getroffen hatte, die allesamt nicht sehr gesprächig waren, hatte ich für heute beschlossen den den Fusspilgerweg zu gehen bzw. zu befahren, in der Hoffnung mal ein paar andere Pilger zu treffen. Da ich in letzter Zeit sowieso auch auf der Landstrasse mehr schob als fuhr, hielt ich das für eine gute Idee... Ich und meine Ideen. Wenn ich schlau gewesen wäre hätte ich die Warnung meines HTC das es heute 33 Grad heiss werden soll ernst genommen und das nochmal überdacht. Aber als ich um 10 Uhr aufbrach war es noch kühl. Um 8 Uhr hatte es sogar noch geblitzt und gedonnert und - zumindest kurz - wie aus Kübeln geschuettet. Tja so ist das Wetter eben an der Nordküste. Allerdings hatte ich hier bisher noch nie mehr als 27 Grad erlebt, meistens deutlich weniger. Obwohl der August als der heißesten Monat an der Nordküste gilt, wird es selten wärmer als 25 Grad und selbst dann ist die Sonne meistens verdeckt. Bisher hatte ich mir nicht mal eine nennenswerte Bräune geholt, obwohl ich jeden Tag 8 stunden draussen war, was aber auch daran lag, dass ich meistens lange Hosen und eine Jacke trug. Heute aber hatte ich mal eine kurze Hose und ein kurzes Hemd angezogen... eine gute aber auch eine schlechte Entscheidung wie sich später herausstellte. Gut, weil wärmere Kleidung mich sicher noch mehr belastet hätte und schlecht weil Sie mich nicht vor einem Sonnenbrand schützte.

Dann zog ich los und folgte brav den Camino-Schildern, die im Gegensatz zu den Landstraßenschildern reichlich und relativ genau waren wobei die Betonung auf relativ liegt. Schon nach 300 Metern führten mich die Camino-Schilder runter von der Landstraße, über gut asphaltierte Dorfwege. So weit so gut. Und ich traf auch direkt am Anfang auf zwei Frauen, die ebenfalls wie Pilger aussahen, was mich frohgemut in die Zukunft blicken liess, das ich noch mehr Pilger treffen würde. Um es vorweg zu nehmen: Sie blieben die einzigen die ich traf und ich sollte Sie wiedersehen...

Nach einigen hundert Metern ging der Weg dann in einen Waldweg über, der mich über den ersten von unzähligen Bergen führen sollte. Und wenn ich von Bergen rede meine ich auch Berge. Vielleicht nicht von der Höhe des Biberkopfs oder der großen Alpengebirge, aber deutlich höher als unsere Maulwurfshügel in Bonn. Die höchste Gipfel haben hier 2500 Meter und mindestens ein Gipfel den ich heute überwunden habe dürfte mal locker 1500 Meter gehabt haben, wenn nicht mehr. Trotzdem ging es am Anfang ganz gut. Die Waldwege waren steinig und steil, aber ich hatte noch Kraft und das war ja auch nichts neues mehr. Allerdings war an Radfahren nicht zu denken und so wurde das Fahrrad mit seinen 10 Kilo + 5 Kilo Lenkergepäck zu einer zusätzlichen Belastung, die ich aber anfangs ziemlich gut wegsteckte. So ging es über die ersten zwei (oder waren es drei?!) Gebirgszuege, bis ich an einem Punkt kam wo ich nicht mehr so richtig weiter wusste, weil die Schilder nicht klar waren.




Einer der beiden Wege war der Camino und der andere ein für Fußgänger gefährlicher Weg. Soviel sagten die Schilder aus, aber leider waren Sie so aufgestellt, dass nicht klar hervorging welcher Weg welcher ist. Ich versuchte den einen, aber der kam mir gefährlich vor (vor allen Dingen mit Fahrrad) und drehte wieder um, als ich auf halber strecke auf die beiden Mädels traf, die ich mal überholt hatte und die bisher die einzigen Pilger waren auf die ich getroffen war. "Hola! este Camino de Santiago?" meinte die eine und ich antwortete direkt auf englisch das hier wohl nicht der richtige Weg sei, als diese sich in Deutsch an ihre Freundin wandte ... "Ihr könnt deutsch? Dann lasst uns deutsch reden..." Tja uns Deutsche trifft man eben überall, sogar auf Wegen die sonst keiner kennt und geht... Bei den Beiden handelte es sich um Dagmar und Susi vom deutschen Teil des Bodensee's ... die Beiden waren seit dem 05.08 unterwegs, also genau 10 Tage länger als ich. Wir gingen etwa 1 stunde zusammen, aber als wir wieder auf Strasse kamen, habe ich die beiden verlassen müssen, da Sie mir als Fußgänger einfach zu langsam waren. Vielleicht lesen Sie eines Tages ja mal mein Tagebuch...


Und so fuhr ich weiter bis nach Soto de luina. Bis hierhin war der Weg zwar auch anstrengend gewesen, aber ohne mich wirklich zu fordern. Lediglich die Sonne, die inzwischen mit 33 Grad auf der Haut brannte,  machte mir etwas sorgen, aber ich hatte mehr als genug zu trinken dabei und eine 30er-Sonnencreme.. Und so ging ich durch den Ort hindurch über Landstraße bis die Caminozeichen etwa 500 Meter später von der Landstraße weg auf einen Waldweg ins Gebirge wiesen. Hätte ich nur in den Camino-Führer oder wenigstens in das Internet gesehen!!! Alle warnen vor diesem Teil des Weges weil er zu grossen Teilen zugewachsen ist und unglaubliche HöhenMeter zu überwinden sind, die schon für Fußgänger kaum zu schaffen, aber mit Fahrrad eigentlich unüberwindlich sind. Alle Führer und alle Hinweise im Internet empfehlen dringend statt des ausgezeichneten Weges weiter auf der Landstraße zu gehen. Aber ich sah leider nicht ins Buch oder ins Internet, obwohl mich schon die ersten 100 Meter auf diesem Weg hätte warnen müssen. Schon auf diese ersten Metern ging es auf einem steinigen Geröllpfad mit über 10% Steigung nach oben, sodass ich mich wirklich fragte wie hier ältere Leute von 60 oder mehr Jahren rauf kommen sollten...




....aber ich war, obwohl ich nun schon fast 3 stunden unterwegs war, immer noch voller Kraft und Saft. Daran änderte erst mal auch nichts, das nach dieser Steigung noch eine etwas steilere Steigung kam und noch eine und noch eine und noch eine. Doch als der Weg immer mehr verschwand und immer mehr mit diesem kleinen Dornensträuchern und sonstigen Gestrüpp zugewuchert war (was mir hätte sagen müssen, das hier lange keiner mehr vorbei gegangen ist und es auch tat. Allein ich ignorierte es einfach) und/oder aber von Geröll überschüttet oder völlig unter Wasser stand, liessen meine Kräfte im gleichen Maße nach wie meine Wut auf die spanischen Behörden wuchs. Ich konnte einfach nicht verstehen wie man diesen Weg so verfallen lassen und dann auch noch die Pilger darüber schicken konnte. Dieser Weg war eine Zumutung und ich stand kurz davor wieder nach Soto de Luina zurück zu kehren, aber ich hätte schon zuviel investiert. Wir Menschen sind ja leider so gestrickt und halten an einer falschen Entscheidung in die wir viel investiert haben fest, auch dann wenn Sie uns alles kosten kann und wird und eine Abkehr die einzig richtige Entscheidung wäre. Und so ging auch ich immer weiter. Obwohl inzwischen meine ganzen Arme und Beine verkratzt waren, ich an mehreren stellen tiefe Risswunden hatte und meine rechte Wade - aufgrund des Pedals das immer gegen die Wade schlug - nur noch ein einziger blauer Fleck war, was ich aber erst merkte als ich später im Hotel ankam. Überhaupt spürte ich keinen Schmerz da ich bereits viel zu erschöpft war.

Und dann stand ich vor ihm: den grauenerregendsten Wegteil, den man sich vorstellen kann. Über 20% Steigung auf gut 500 HöhenMeter auf einem knapp 1m breiten und völlig Baum- und damit schattenlosen Pfad der über und über mit losen Geröllsteinen in Faustgrösse bedeckt war, die jeden Schritt zu Qual aber auch gefährlich machten. Und ich hatte 10 Kilo Gepäck auf dem Rücken und weitere sperrige 15 Kilo an der rechten Hand. Und die Sonne brannte inzwischen mit 33 Grad im Schatten, den ich aber hier nicht hatte, womit es natürlich auf diesem Weg noch heisser war. Aber der gelbe Jakobspfeil zeigte unerbittlich nach oben

 J
etzt wäre der richtige Zeitpunkt gewesen doch noch umzukehren, aber ich war sauer auf die Spanier, das Sie den Weg so schlecht gewartet hatten, sauer auf den ungepflegten Weg der mir so viele blutende Wunden zugefügt hatte und ausserdem hatte ich ja schon soviel investiert das ich einfach nicht bereit war hier zu kapitulieren.

Doch schon 100 Meter weiter auf diesem Weg und ich war bereit umzukehren. Ich hätte alles dafür getan um zurückzukehren. Allein jetzt war es zu spät. Schon beim Aufstieg der ersten 100 m war ich immer und immer wieder aufgrund des Gerölls gestolpert und auch schon mal ein paar Meter zurück gerutscht. Wäre ich nun umgekehrt den Weg abwärts gegangen, mit Gepäck im Rücken und mit einem mit Gepäck  15 Kilo schweren Rad das mich nach unten zog und wäre ich da gestolpert - und ich bin mir sicher das wäre passiert - wäre der Fall frühesten nach 100 Meter zum Stillstand gekommen. Ich bezweifle das ich das ohne größerer Blessuren überstanden hätte....

Eine Rückkehr blieb mir nun nicht mehr als Alternative, also ging ich weiter nach oben, obwohl ich bereits nicht mehr konnte. Ich ging 10 schritte (später nur noch 5) und brauchte danach 2-3 Minuten Pause, weil mein Herz wie verrückt gegen meinen Brustkorb prügelte und ich kaum noch Luft bekam, wobei ich durch die Hitze das Gefühl hatte keine Luft sondern Feuerschwaden einzuatmen. Das schlimmste aber war, das ich keinen Schatten hatte und auch meine Pausen in der brüllenden Sonne stattfanden. Nachdem ich die Hälfte des Weges geschafft hatte und der Weg nochmals steiler wurde (man kann es sich kaum vorstellen, aber es ist wahr) war ich davon überzeugt heute hier zu sterben. Ich war so überzeugt davon, dass ich mich bereits fragte wann man meine Gebeine finden würde und wie scheisse es wäre hier in der Einöde alleine zu krepieren.

Ich weiss auch gar nicht mehr so genau wie ich es geschafft habe immer wieder nach den Pausen aufzustehen. Aber irgendwie ging es immer weiter, während ich eigentlich nur noch auf den Herzinfarkt, Kreislaufkollaps oder wenigstens den Sonnenstich wartete. Doch nichts davon kam. Ganz im Gegenteil: Obwohl es immer steiler wurde schien sich mein Körper auf den letzten 50-75 Metern fast schon daran gewöhnt zu haben. Ich bekam gut Luft und mein Herzschlag wurde sogar etwas langsamer (meinte ich zumindest zu fühlen). Aus medizinischen Tests wegen meines Asthma wusste ich das das meine Lunge und mein Herz ziemlich gesund sind und sehr gut zusammen arbeiten und bei großer Belastung den Sauerstoffgehalt im Blut nicht nur konstant halten, sondern sogar erhöhen. Vielleicht war es das, vielleicht stand ich aber auch kurz vor einem Kollaps und mein Gehirn versuchte mich mit dem Gefühl "alles halb so wild" auf den drohenden Exitus vorzubereiten. Genau werde ich das nie wissen und will ich auch gar nicht, aber so schnell wie ich mich später von der Tortur erholte tippe ich doch mal eher auf Ersteres. Jedenfalls war ich plötzlich, nach gut 1,5 stunden für die 500 Meter, oben...ich glaube ich brauchte zwei, drei Minuten um das zu kapieren, aber dann stand ich auf dem höchsten Gipfel weit und breit und konnte KiloMeterweit in alle Richtungen blicken. Und sah keine einzige Menschenseele, geschweige denn einen Pilger oder irgend etwas Pilgerähnliches. Ich konnte mir aber auch beim besten Willen nicht vorstellen wie ein durchschnittstrainierter Pilger hier hoch kommen wollte.

Ich beschloss nun keinen ZentiMeter mehr bergauf zu gehen sondern nur noch bergab. Ausserdem beschloss ich mir im nächstbesten Dorf ein Taxi zu suchen das mich nach Luarca bringen sollte... die Abfahrt war ein Genuss und saugefährlich, aber das war mir egal. Ich raste runter, während ich schon vom Bett träumte. Und dann sah ich ein erlösendes Schild: Feve !!! Ich bremste ab, ging zum Bahnhof und betete zu Gott das noch ein Zug fuhr. Und tatsächlich: an dieser Haltestelle würde in 20 Minuten eine Bahn kommen und mich in 30 Minuten nach Luarca bringen... ich konnte mein Glück nach all der Tortur gar nicht fassen. Und als ich einstieg traute ich meinen Augen nicht: die Bahn war rammelvoll mit Pilgern, die in Soto de Luina, Cudillero oder sogar noch früher eingestiegen waren. Ich hatte wenigstens vorher immerhin 30 km hinter mich gebracht und die Pilger hier in der Bahn waren alle deutlich jünger als ich, im schnitt um die 25 Jahre alt. Sogar die Italiener von Cudillero saßen in der Bahn. Nur Dagmar und Susi saßen nicht drin. Typisch deutsch eben: alle schummeln, nur wir nicht... so jetzt mache ich Schluss. Morgen mehr zu Hotel und Luarca....  I
21.08.2011

Ribadeo! Mehr als zwei ´Drittel des Weges sind geschafft und nun sind es nur noch 200 km bis Santiago.



Die Nacht in Luarca war grauenvoll. Luarca ist nichts für Pilger, da die spanischen Gastronomen für die Touristen die Nacht zum Tag machen. Bis 4.00 Uhr morgens schallte die Disco-Musik vom Dorfplatz bis zu meinem völlig überteuerten und überbewerteten 3-Sterne-Hotel Baltico. Die Trommeln gingen durch Mark und Bein und an schlafen war nicht zu denken. Erst gegen 5.00 Uhr bin ich eingeschlafen und um neun wieder aufgestanden. Das Frühstück, das eigentlich nicht im Preis inbegriffen war, war in diesem 3-Sterne Hotel so kläglich, dass ich mich weigerte es zu bezahlen. Ich machte dem Hotelchef klar, das seine Zimmer schon die 75 EUR nicht wert waren, aber das ich ganz sicher nicht auch noch acht EUR für einen winzigen Kaffee, ein vertrocknetes Croissant und ein bisschen Margarine und Aprikosenmarmelade bezahlen werde. Normalerweise bin ich ja ein friedfertiger Mensch und lass mir einiges gefallen, aber nach der letzten Tortur, der letzten Nacht und dem besch....eidenen Frühstück in einem überteuerten Schmutzzimmer, wo noch nicht einmal Seife bereit lag, ist mir einfach der Kragen geplatzt. Okay, in den Touri-Orten wird man immer ein bisschen abgezockt, aber man muss sich ja nun nicht alles gefallen lassen. Da er auch kaum Gegenargumente hatte wehrte sich der Wirt auch nicht lange und akzeptierte das ich nur das Zimmer bezahlte. Womit er sowieso mehr als genug bedient war und sich wahrscheinlich immer noch ins Fäustchen lachte....


Ist das Geld nicht Wert... besser ein anderes Hotel nehmen


Nach dieser Episode brach ich dann auf, nicht ohne mir vorher ein wenig Proviant in Form von in Brot eingebackenen Pulpo zu besorgen. Den ich auch schon gestern gegessen hatte, einmal gegrillt und einmal in Brot eingebackenen. Ich liebe Tintenfisch, aber in Deutschland gibt es den ja nur als Ringe...




Heute muss ich auf jedenfalls in Ribadeo ankommen, da ich da ein Hotel gebucht habe. Da das aber fast 70 KiloMeter sind, habe ich für den Notfall ab Tapia (ca. 25 km vor Ribadeo) die Feve eingeplant. Ausserdem blieb ich jetzt auf der N634 (Landstraße) und mied nach dem letzten Erlebnis die Pilgerwege für Fußgänger. So kam ich recht flott voran. Dummerweise gönnte ich mir in Navia mal wieder Tintenfisch, von dem mir so schlecht wurde (weil überfressen), das ich bis Tapia deutlich langsamer fuhr. Ich glaube den Test der reise verzichte ich auf meinen geliebten Pulpo.


Mmh,  das war so lecker, aber danach konnte ich nicht  mal mehr "papp" sagen...


Von Tapia aus fuhr ich (ein letztes mal, den ab dem Camino del Norte fährt keine Feve mehr) mit der Bahn, die mal wieder rammelvoll war mit Pilgern. Mit einem von ihnen, einem hippiemässigen Wuschelkopf von Spanier unterhielt ich mich ganz nett. Er erklärte mir auch den Unterschied zwischen Camino del Norte und Camino de la Costa. Bisher war ich an der Küste entlang gereist, also dem Camino de la Costa, doch nun - ab Ribadeo führt der Weg von der Küste weg bis auf den Camino Frances. Und dieses Verbindungsstück, das den Camino de la Costa mit dem Camino Frances verbindet nennt man Camino del Norte. Wieder was dazu gelernt. Übrings war es dumm von mir die Feve zu nehmen. Hätte ich Tapia links liegen gelassen und wäre statt dessen bis zur Brücke nach Ribadeo gefahren, hätte ich mir zwanzig Kilometer gespart und wäre früher dagewesen als mit der Bahn. Nachher ist man immer schlauer....

Ribadeo selber ist eine von den reicheren armen Dörfern (in Spanien sind es schon Städte). Ich hatte immer gedacht Spanien ist reich und wohlhabenden, wo die doch so viele Produkte - besonders Agrarprodukte - in unser Land importieren, aber hier ist es wie überall in der Welt: Auch hier ist der Wohlstand ungerecht verteilt.... Nur noch stärker als bei uns. Da hilft auch der Tourismus nicht viel,  auch wenn sich selbst das kleinste Kuhdorf ein "oficinale de tourismo" gönnt. Auf ein Dorf das es geschafft hat mit Hilfe des Tourismus einen bescheidenen Wohlstand zu erreichen (nicht zuletzt auf de Rücken der Schwarzafrikaner, die die Drecksarbeit machen und oft wie Sklaven gehalten werden) kommen 10 Dörfer in allen vier Windrichtungen, die es nicht geschafft haben und die so arm sind, das wir dort nicht mal tot über den Zaun hängen möchten.

Also wenn man so ausserhalb der Touriorte wie Teneriffa oder Mallorca Spanien bereist kann das ganz schön deprimieren.... Meine 1-Sterne Hotel in Ribadeo ist natürlich nicht der Kracher... aber wenigstens war der Tag heute ziemlich ereignislos und harmlos wofür ich über alle Maßen dankbar bin.... bis morgen
22.08.2011

Heute, kurz vor Mondonedo und Villalba habe ich so viele Pilger wie noch nie zuvor getroffen. Insgesamt ca. 25 Fußgänger und 10 Radfahrer. Ich frage mich wo die plötzlich alle herkommen. Vorher habe ich die nie gesehen. Auch in Ribadeo ist mir keiner von denen über den Weg gelaufen...

Das grösste Problem ist inzwischen nicht mehr die Strecke, sondern Fragen wie: wie weit und wohin fahre ich heute und wo übernachte ich. Mein Hotel Santa Cruz in Ribadeo war mehr so eine Art Pension. Sehr einfach in der Ausstattung und alles schon ziemlich runtergekommen und ein bisschen schmuddelig. Dafür war es mit 35 EUR inkl. Frühstück preiswert. Und das Frühstück bestand immerhin aus einer grossen Tasse Kaffee und einem riesigen, frischen Kaffeeteilchen. Und die Wirtin war ganz nett... Damit es war es schon um Welten besser als das doppelt so tEURe Baltico in Luarca. Ausserdem hatte mir die Wirtin relativ(!) widerstandslos ein besseres Zimmer gegeben, als ich über den Zigarettenqualm klagte.



Preiswert und relativ sauber und gutes Frühstück...


Jedenfalls startete ich an diesem Tag mit viel Elan und Kraft und Kinderschokolade im Gepäck und habe mir heute als Ziel Villalba gesetzt. Lt. Routenplaner 72 km, lt. meinem Navi 68 und lt. Schildern 66 KiloMeter. Auf jeden Fall am äußersten Limit meiner Möglichkeiten, obwohl die Strecke praktisch ununterbrochen auf der Nationalstrasse n-634 entlangführt, was die Sache - trotz der vielen auf und abs - wesentlich erleichtert. Ich bekomm da zwar nicht viel mit von der Schönheit der Landschaft, aber ich finde sowieso viel zu wenig Zeit um z.B. zu fotografieren. Meistens bin ich auch viel zu erschöpft dazu und ausserdem mache ich kaum noch Pausen, höchstens mal 5 Minuten um was zu trinken oder was Schokolade zu essen. Ich will immer schnell durch....
 
Vorgestern hatten wir 33 Grad , gestern maximal 19 Grad und Regen und heute war es am Morgen heiss und gegen Mittag fing es an zu regnen und kühlte wieder ab. Das zehrt schon an der Gesundheit.

Bis kurz vor Mondonedo kam ich sehr gut durch, aber dann  wurde die N634 zu einem gefährlichen Rinnsal, auf dem nicht mal 2 Autos nebeneinander Platz fanden. Und viel Verkehr war hier auch noch. Nachdem ich  zweimal beinahe in einen lebensgefährliche Situationen gekommen war, stieg ich entnervt vom Rad und suchte nach einem anderen Weg. Da es keinen anderen gab folgte ich einigen Pilgern aus Spanien und nahm für ein paar KiloMeter (vielleicht 6 oder 8 km) den Autobus bis das Schlimmste vorbei war. Dadurch gewann ich ausserdem auch etwas Zeit. Etwa von Gontan aus ging es dann wieder 20 km weiter mit dem Rad bis Villalba.



Tristesse pur: die bunkerähnliche Herberge, die auf dem Bild besser aussieht als in Wirklichkeit. Luxus pur: Hotel Parador

Wäre ich doch nur in Mondonedo geblieben. Ich habe das Gefühl, die Städte werden immer ärmer je näher ich Santiago de Compostela komme. Dabei hatte ich Villalba als Ziel ausgewählt, weil es auf dem heutigen Weg die grösste "Stadt" war. Schon Ribadeo hatte mich geschockt mit seinem ärmlichen Stadtbild, aber die graue Tristesse von Villalba war noch einmal ein paar Grad erdrueckender. Aber was macht man in solchen Fällen, um die Armut nicht zu sehen? Man umgibt sich mit Luxus. Nach einem Blick auf die furchtbare, erdrückende Herberge machte ich auf dem Absatz kehrt und ging zielstrebig auf das einzige 4-Sterne Hotel des Ortes (was wollen die überhaupt damit?) zu, bereit jeden Preis zu zahlen für ein Zimmer. Und ich bekam auch eines. Für relativ läppische 70 EUR bekam ich ein Teakholz-vertäfeltes Zimmer - grösser als mein Wohnzimmer in Bonn - mit französischen Bett (2 x 2 m), Couch, goldenen Spiegel, Stereoanlage, riesigem LCD-Bildschirm, Parkettboden und einem Bad, dreimal so gross wie meines in Bonn, mit zwei Waschbecken, Whirlpool und alles in Marmor. Und dazu Seife, Cremes, Conditioner, alles was man in einem Bad braucht oder nicht braucht. Es stimmt: wenn einen die Armut um einen herum erdrûckt, dann ist Luxus etwas was zumindest die Symptome behandelt. Eine Lösung des Problems Armut ist es natürlich nicht. Aber dafür bin ich ja auch nicht hier. Mein Ziel ist es etwas EURopäische Kultur zu erleben und den Weg des Apostels Jakob nachzugehen....Trotzdem kann ich den Luxus hier irgendwie nicht geniessen und habe mir vorgenommen ihn auch nicht zu nutzen. Nur das Bett werde ich nutzen und die Dusche. Sauna, Whirlpool und Roomservice oder gar Minibar sind tabu, weil ich das Gefühl habe das das meiner Mission nicht gerecht wird. Ausser die Pralinen die auf dem Bett liegen. Die Futter ich noch weg... :)

Morgen will ich versuchen bis Arzua durch zu kommen, dann wäre ich auf dem Camino Frances. Ein ehrgeiziges Ziel von 68 km, allerdings wird das knapper werden als heute, da ich morgen erst um 11.30 Uhr weg kann, weil ich noch einen Stempel brauche und das Touristikbuero erst um 11 Uhr öffnet.... mal sehen wie weit ich komme... bis morgen...


23.08.2011

Nur noch 41 km bis Santiago de Compostela!

Ca. 70 km in 6 stunden und 30 Minuten. Die Fahrt nach Arzua klappte richtig gut. Die ersten 20 km waren bergig. Wie immer, aber inzwischen reiße ich die auf einer Ar...backe runter....danach wurde es etwas härter, da ich nach 25 bis 30 km immer ein körperliches und mentales Tief habe. Aber als ich gerade um diese Zeit herum das Schild "Santiago 66km" sah und es ausserdem mehr und mehr auch flacher wurde, gab mir das sofort auftrieb. Für kurze Zeit reifte in mir sogar der kühne Plan nach Santiago durch zu fahren. Ich fuhr deshalb auf der N634 Richtung Santiago weiter statt in Richtung N-VI, wie es für Arzua richtig gewesen wäre.

Die N634 war allerdings sehr stark befahren für eine Nationalstrasse. Besonders mit vielen Lkw's, die wie die Irren über die Piste heizten. Einmal in einer Kurve, als ich einen Lkw hörte, bin ich (lange bevor ich den Lkw sah) abgestiegen und habe das Fahrrad auf die Wiese gezogen. Ich weiss nicht warum ich das getan habe: Innere Eingebung? Der Instinkt eines Radfahrer, der seit 30 Jahren im Sattel sitzt und seine Pappenheimer kennt? Mein Schutzengel?! Jedenfalls kam, kaum das ich abgestiegen war, ein Lkw mit solchem Tempo in die Kurve geschossen, das er den gesamten Seitenstreifen mitnehmen musste... schon so raste er nur wenige ZentiMeter an mir vorbei. Wäre ich nicht abgestiegen und auf die Wiese ausgewichen hätte er mich erwischt.... Leider sind die Lkw- Fahrer in Spanien genauso rücksichtslos wie in Deutschland und dem Rest der Welt. Muss wohl irgendwie am Beruf liegen....

Inzwischen wurde mir klar das ich es wohl heute nicht bis Santiago schaffe würde. Vermutlich hatte die km Anzahl 66 auch nicht gestimmt. Abweichungen von 10 % der tatsächlichen Entfernung sind in Spanien immer möglich. Also bat ich mein Navi eine neue Lösung zu suchen die mich ohne grosse Umwege nach Arzua brachte. Die Empfehlung war in 10 km links abzubiegen auf die AC 834 und dann 25 km weiter zu fahren bis Arzua. Als ich die Abzweigung endlich erreichte, kam ich nochmal kurz in Versuchung: geradeaus ging es weiter nach Santiago, lt. meinem Navi genau 50 km. Links ging es nach Arzua, 25 km lt.GPS. Ich hatte jetzt schon gut 45 KiloMeter hinter mir und ich hätte es in Richtung Santiago wohl kaum vor dem dunkel werden geschafft. Also siegte die Vernunft und ich fuhr nach Arzua. Leider war auch die AC834 eine Raser- und Lkw-Strecke, aber dafür ging es auf den 25 KiloMetern gut 17 KiloMeter fast nur steil bergab. So steil das ich in der Regel um die 60-70 km/h schnell war, teilweise bestimmt sogar 80 bis 100km/h. So schaffte ich die 25 km in knapp einer Stunde  und die Gesamtstrecke von gut 70 km in weniger als 7 Stunden.



Schon auf dem Weg nach Arzua war die Anzahl der Pilger die ich unterwegs traf wieder gestiegen. Aber kein Vergleich mit Arzua selber. In Arzua scheint jeder 2te oder 3te Einwohner ein Pilger zu sein, denn in Arzua treffen die grossen Pilgerwege zusammen. Und die Einwohner von Arzua scheinen gut davon zu leben, denn Arzua wirkt bei weitem nicht so ärmlich wie die Städte zuvor. Allerdings ist man hier, allen voran die informacion turistica, wenig freundlich und hilfsbereit. Besonders zu nur Englisch sprechenden Pilgern. 

Hier in Arzua habe ich auch zum ersten mal Pilger in meinem Alter getroffen. Der Camino de la Costa bzw del Norte ist eindeutig der Weg der Jugend. Was auch richtig ist, denn für alle jenseits der 30 ist der Weg nur schwer zu zu schaffen.... Kaum in Arzua angekommen bin ich sofort von ein paar Deutschen in Beschlag genommen worden, die mir u.a. den Weg zur informacion turistica (anderer spanischer Dialekt) zeigten und ein paar Tips zu Pension und Restaurant gaben.... Leider bekam ich nicht in meiner Wunschpension ein Zimmer und musste deshalb woanders nachschauen und fand schliesslich eine Pension (Meson do Peregrino) mitten im Zentrum, auf der Calle de Roman Franco Nr. 7.



Um Gottes Willen hier nicht einkehren.... (Quelle: Google Streetview; Schild ist jetzt schwarz statt rot)


Für 20 EUR mit winzigem Gemeinschaftsbad auf dem Flur. Das Zimmer roch schon merkwürdig als ich es um 19:30 betrat, aber ich redete mir ein, das ich das bin und ging erst mal duschen. Schon das entpuppte sich als gemeingefährlich, denn Dusche und Boden waren eisglatt und rutschig und nirgendwo war ein Halt, sodaß ich zweimal beinahe ausgerutscht wäre.  Ich beendete meine Wäsche umgehend und schwor mir das Bad morgen früh zu meiden, zumal es nicht sehr sauber wirkte. Zurück in meinem Zimmer fiel mir sofort der Geruch wieder auf. Es roch nach Petroleum. Da aber ich nur normale Heizkörper sah und da das Wasser eine Gedenkminute brauchte bis es warm wurde tippte ich aber eher auf Gas. Irgendwo, so schien es mir, strömte Gas aus. Und der Geruch wurde stärker  wenn jemand duschte. Ich ging also zu der Wirtin und versuchte ihr klar zu machen das irgendwie und irgendwo Gas austritt. Englisch ist in Spanien so eine Sache. Keiner kann es wirklich richtig.  Also bat ich sie nach oben, um es selber zu riechen. Inzwischen roch der ganze Flur nach Gas, doch die Wirtin und der Wirt taten so als wäre ich bekloppt, öffneten aber ein Fenster im Flur. Da war mir klar das die ganz genau wussten das hier was nicht stimmt, zumal mir jetzt auch die zwei versteckten elektronischen Duftspender in meinem Zimmer auffielen, die beim ersten betreten des Zimmers Nr. 45 den Gasgeruch noch übertünchten. Ich vermute mal das entweder die Gastherme, die ich im abgeschlossenen Raum neben dem Bad vermutete, manipulierte war oder irgendwo in der Wand des heruntergekommenen Hauses ein winziges Gasleck in der Leitung ist, das noch nicht gross genug  war um, das Haus in die Luft zu jagen bzw. noch nicht ausreicht um jemanden damit zu ersticken, aber doch immerhin ausreichte, um es  zu riechen.

Vielleicht nicht heute, aber irgendwann wird jemand in dem Haus im Bad zu Tode stürzen, am Gas ersticken oder mit dem ganzen Haus in die Luft fliegen. Aber ich würde es nicht sein, packte meine Sachen zusammen und verliess das  Zimmer
umgehend, das ich leider schon bezahlt hatte.... Und dann stand ich kurz nach 21.00 Uhr auf der Strasse und wusste nicht wohin. So fuhr ich zum Pazo de Santa Marina und buchte mir für tEURes Geld ein Appartment für eine Nacht.... Für Santiago habe ich mir jeden Falls erst mal ein Hotel vorgebucht über booking-info, denn nach den Herbergen habe ich nun auch von Pensionen die Schnauze voll.


Empfehlenswert, aber auch teuer: Pazo de Santa Maria, ca. 1 km vor Arzua...

24.08.2011





13:41 Uhr: Santiago de Compostela. Trotz allem oder auch wegen Allem ein erhabener Augenblick. Ich muss schon ein paar Tränen wegdrücken. Mit jedem KiloMeter den man Santiago näher kommt  wächst die Zahl der Pilger. Es sind  jetzt Tausende.





Und man sieht es der Stadt - Santiago de Compostela -  sofort an: Die Pilger haben Sie reich gemacht. Es ist eine reiche und eine schöne Stadt. Die historische Altstadt mit der Kathedrale, der Uni und unzähligen anderen mittelalterlichen Prachtbauten ist wirklich eindrucksvoll und bezaubernd.




 
Vom Ortsschild bis zur Kathedrale sind es noch mal ein ganzes Stück. Man genießt jeden Meter.




Die letzten Meter zur Kathedrale habe ich gefilmt, ebenso das innere der Kathedrale.






Meine Compostela, meine Urkunde und meinen Abschlusstempel habe ich mir natürlich auch sofort besorgt. Die Urkunde ist in lateinisch und natürlich auch mein Vorname: thomom....





Ob es sich gelohnt hat? Gestern hätte ich noch gesagt nein, heute sage ich uneingeschränkt ja. Tausende Pilger die humpelnd und verschmutzt singen und lachen können nicht irren... und wie gesagt: es ist schon ein erhebendes Gefühl hier zu stehen. Plötzlich ist man stolz darauf Europäer und Christ zu sein und ich bin weiß Gott kein Frömmler... Immerhin schaut man hier auf 2000 Jahre Geschichte...
25.08.2011


Das Wetter heute ist wirklich Besch...eiden. Gestern noch strahlender Sonnenschein (als ich einziehe in die Stadt) und heute ununterbrochen Regen. Die Pilger die heute von Arzua gestartet sind oder aber gestern die ganze Strecke nicht geschafft haben, haben heute die Ar...karte gezogen. Ich bin ganz froh dass das Wetter so schlecht ist, denn ich fühle mich etwas angeschlagen und bleibe auch relativ lange im Bett. Eigentlich wollte ich noch BadEURlaub in Fisterra machen, aber das Wetter soll die nächsten Tage so bescheiden bleiben. Also plane ich meine vorzeitige Rückreise, zumal mir das Geld ausgeht und ich ausserdem gesundheitlich ziemlich angeschlagen bin. Zwar muss ich meinen Ryainairflug verfallen lassen, aber mit denen verreise ich auch nie mehr. Stattdessen werde ich vermutlich am 27sten mit dem Bus verreisen... da ich damit auch 5 Tage Hotel und Verpflegungskosten einsparen hole ich damit auch die Kosten fûr den Flug und den Versand des Fahrrad raus. Das habe ich nämlich heute per UPS zu meinen Eltern versandt: Habe das hier in einem Fahrradladen abgegeben und die haben das für mich auseinandergebaut, verpackt und versandt... toller Service aber nicht billig. Alles in allem 112 EUR.... aber damit habe ich eine Sorge weniger...

Gegen Abend bin ich dann in strömenden Regen nochmal zur Kathedrale und habe ein paar Kerzen angezündet (für meine Kinder, Mama, Papa, Petra, Matthias und Cordula und natürlich mich, sowie die restlichen drei im kollektiv für alle anderen Verwandten und Bekannten) und danach habe ich natürlich noch den Apostel umarmt. Egal ob Regen oder Sonne ob morgens oder abends, die Kathedrale ist immer rammelvoll und für die Umarmung muss man Schlange stehen.... aber danach ging es mir sofort besser... komisch, nicht wahr, dabei habe ich bei der Umarmung nur an meine Kinder und Eltern und meine Schwester gedacht und mich selber ganz vergessen... bis morgen...


26.08.2011
Heute ist mein vorletzter Tag. Habe heute den Bus gebucht. Morgen Vormittag geht es los und Ankunft ist Sonntag in Köln. Der Tag heute war es wieder sonnig und wäre es nicht so teuer hätte ich doch noch einen Abstecher nach Finisterra gemacht... Aber das ist einfach nicht mehr finanziell drin... Habe mir nochmal die Wampe vollgeschlagen mit Babytintenfischen, aber auch mit Doener. Allerdings ist der Doener nicht mit unserem in Old Germany zu vergleichen. Schmeckt nach gar nichts... Kaum gewuerzt. Auch die Chipriones (Babytintenfische) im "Gasthof" waren nicht der Hammer... Noch kann ich mir die üppigen Mahlzeiten leisten: trotz täglich 3000 bis 4000 Kalorien (die Hälfte alleine durch Getränke) habe ich in den zehn Tagen gut abgenommen, zumindest sagt das der Gürtel, den ich jetzt auf das 5te Loch stellen kann (vorher 3)...

Was ist abschliessend zu sagen? Zu Santiago: eine der schönsten Städte die ich jemals gesehen habe. Besonders die Altstadt und die Kathedrale aber auch ganz besonders die Universität, die zu großen Teilen in historischen Gemäuern untergebracht ist. Da dringt aus allen Ecken der Geist der Scholastik.... doch man hat hier ein Problem: Abgase. In Spanien ist man noch nicht so weit was Umweltfreundlichkeit betrifft. Mülltrennung ist ein Fremdwort (ausser auf der Prachtstrasse "Rua de Berlin") und hier hat noch lange nicht jedes Auto einen Kat. Viel schlimmer: die Spanier haben die Angewohnheit jeden ZentiMeter mit dem Auto zurück zu legen und wenn Sie stehen und zB.. ausladen den Wagen weiterlaufen zu lassen. Vor allen Dingen bei den alten Transporter, die nicht mehr anspringen würden, wenn man sie ausmacht und die extrem viele schwarze Abgaswolken abgeben. Das kann dann auch schon m 30 Minuten dauern, die so eine Kiste z. B. mitten in der Altstadt vor sich hin dampft... Die Abgase führen natürlich zu Schäden an den alten Gebäuden und so wird ständig irgendwo restauriert... und für Asthmatiker ist das natürlich auch nicht so toll...

Die Stadt lebt ansonsten natürlich gut von und mit dem Pilgern. Alles ist auf den Camino und den Apostel ausgelegt. Aber es ist nicht nur Kommerz. Die Spanier sind auch so sehr gläubig und leben daher auch fûr ihren Glauben.

Zum Pilgern allgemein: also ich würde es noch mal.machen aber nicht über den Camino de la Costa und nicht mehr mit Fahrrad. Ausserdem würde ich es gern mit meinen Kindern oder Freunden machen. Es ist schon.ein tolles Gefühl wenn man am Ziel ist, aber man muss jeden Tag seinen inneren Schweinehund überwinden und oft unerwartete Schwierigkeiten. Trotzdem: wenn man am Ziel ist fühlt man sich auserwählt und irgendetwas kommt über einen, was man nicht erklären kann...

Zu Spanien: ist in vielen teilen immer noch ein armes Land mit vielen Benachteiligten.

Umwelt- und Naturschutz  wird für Luxus gehalten, könnte aber sicher die Armut entschärfen, nur ist niemand hier in der Lage das zu erkennen.

Was ich als sehr störend empfinde ist die Siesta. Sogar manche Supermärkte schliessen zwischen 14 und 17 Uhr. Und das hier praktisch niemand englisch kann, nicht mal die Jugend ist ebenfalls störend....

Was ich toll finde: das es Meeresfruechte in allen Varianten und überall frisch zu kaufen gibt. Und die vielen kleinen Geschäfte, die in Deutschland keine Chance mehr hätten gegen Aldi, Lidl und Co. Und das man Kunden besser behandelt als in Deutschland.

Es war alles in allem ein Abenteuer, das ich mir - auf andere Weise - vorstellen kann zu wiederholen und das man als Christ und/oder Europäer mal gemacht haben muss, weil es zu unserer Kultur und/oder zu unserer Religion gehört. Seit 2000 Jahren...

morgen mehr über die Rückreise...
27.08.2011

Ab nach Hause....

Der Bus fuhr von der Estacion de Autobus ab,  ein großer "Hafen" für Busse. Und natürlich war mein Bus der Letzte der Abfuhr und mein Busfahrer sah so aus, als würde er gerne mal einen über den Durst trinken und der Beifahrer war ein dürres, winziges Faktotum von undefinierbaren Alter (aber auf jeden Fall jenseits der 60). Der Hammer: Nach einer Fahrt von knapp 50