Non mortem timeas, sed tuam vitam numquam incipere!

[Nicht den Tod sollte man fürchten, sondern dass man nie beginnen wird zu leben]

(Marc Aurel)



Es gibt Dinge im Leben, die muss man einfach einmal gemacht haben. Sag ich mir immer, wenn ich mir was besonderes oder verrücktes vornehme. Aber diesmal war es mehr. Etwas mehr im Sinne des Ausspruchs von Marc Aurel.

Wir alle erhoffen uns irgendeine Bedeutung vom Leben und wenn wir jung sind versuchen wir diese Bedeutung über Erfolg im Beruf zu erlangen, sei es im Büro oder im Studium oder auf dem Sportfeld oder im Fernsehen oder in der Politik oder im eigenen Geschäft. Unser Maßstab für den Erfolg sind der Verdienst und die Macht die wir dabei erringen. Doch je älter wir werden, umso klarer erkennen wir, dass das was wir tun oder darstellen - egal wie viel Geld oder Macht wir erreicht haben - unbedeutend ist im Angesicht der Endlichkeit des Lebens und der Unendlichkeit des Universums. Und umso verzweifelter suchen wir, wenn wir älter werden und je länger und härter wir suchen umso schwerer wird es zu finden. Die einen suchen am falschen Ort, andere wiederum suchen zu verbissen oder sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht und wiederum andere resignieren zu früh.


Dabei glaube ich das es ganz einfach ist: Wenn dir Gedanken kommen in der Art wie „Kann das alles sein?“, dann setze dich hin, hinterfrage was du jetzt machst, was du gerne tun würdest und was dir bedeutend erscheint. Und tue dann das für das du dich geboren fühlst und was du für bedeutend hältst und was dich zufrieden und glücklich macht. Und wenn es dann noch anderen Menschen hilft und dir die Freude dieser Menschen die Sonne in dein Herz trägt, dann hat dein Leben eine Bedeutung gehabt, für dich, allen du geholfen hast und deine Nachkommen.


Natürlich ist das einfacher gesagt als getan. Wir alle kommen irgendwann an diesen Punkt. Bei den Männern nennt man es Midlife-Crisis und bei den Frauen tritt es oft mit dem Klimakterium ein. Meistens empfinden wir diese Phase als Belastung oder als Krankheit. Statt dessen sollten wir es als Chance sehen. Als Chance unserem Leben eine Bedeutung zu geben. Denn wenn wir an diesem Punkt angekommen sind, haben wir die Möglichkeit unser Leben zu ändern oder aber weiter zu machen wie bisher. Meistens entscheiden wir uns für Letzteres weil uns Ersteres unmöglich erscheint und/oder weil es gesellschaftlich nicht opportun ist. Jemand der 30 Jahre lang in einem Beruf als Wertpapierhändler gearbeitet und eine hohe Position im Beruf erlangt und viel Geld verdient hat und plötzlich erkennt das er ein hervorragender Arzt wäre, wenn er in der Jugend einen anderen Weg gewählt hätte, weil es genau das ist was er kann, was ihm liegt und was er sich immer erwünscht hat, wird in der Regel trotzdem nicht mit 50 Lebensjahren alles hin schmeißen und noch mal als Abiturient und Medizin-Student von vorne beginnen. Mal abgesehen davon, dass ihn viele für bekloppt erklären würden, würde einem selbst der Schritt i. d. R. doch zu groß und zu gewaltig und zu unwägbar erscheinen. Vor allen Dingen fehlt fast immer eine Art Anfang, eine Art Initialzündung um einen solchen Schritt überhaupt ernsthaft zu erwägen.


Und genau das kann der Jakobsweg sein. Eine Initialzündung, ein Anfang. Gerade für jemanden der an einem Scheideweg steht, kann der Jakobsweg (wie sicher auch andere Pilgerwege) die nötige Ruhe bringen, sich mit all dem auseinander zu setzen und um Mut zu tanken für eine schwere Entscheidung.


Ich glaube, dass gerade auch bei vielen älteren Pilgern (ab 30/35 Jahren), bewusst oder unbewusst, exakt das ein Grund für den Jakobsweg ist. Sie suchen eine Veränderung, einen Anfang für einen Neubeginn und/oder ein Zeichen von einer höheren Macht wie sie sich entscheiden sollen.


Jedenfalls war das Zweite – bewusst - mein Grund für das Pilgern nach Santiago de Compostela. Auch ich stand an einem Scheideweg und hatte mich mit 45 Jahren für einen Neustart ins Leben (Studium Medizin oder Psychologie) entschieden. Und der Jakobsweg war für mich der Startschuss in dieses neue Leben.


Natürlich gibt es noch andere Gründe dafür nach Santiago de Compostela zu pilgern. Einer ist sicher der religiöse Grund, besonders für Leute die die Bedeutung ihres Lebens in der friedlichen Existenz einer Religion gefunden haben. Gerade in der christlichen Religion kann sich das Gefühl der Bedeutung, auch und besonders in karitativen Einrichtungen, ergeben und ich kenne viele bei denen das so ist.


Ein weiterer Grund warum man diesen Pilgerweg auch gehen kann und sollte: Es ist europäische Tradition. Es gehört zu unserer Kultur und deshalb sollte jeder einmal im Leben den Jakobsweg gegangen sein. Besser noch: Sie sollten zumindest die drei bekannten, europäischen Pilgerwege einmal gegangen sein, nach

-Santiago de Compostela

-Lourdes

-Rom (Via Francigena)


Und wenn Sie es irgendwie einrichten können auch mal nach Jerusalem.


Was nun den Jakobsweg betrifft haben Sie viele Wegmöglichkeiten. Meiner Meinung nach sollte man hier zumindest zwei der vier Großen Hauptwege mehr oder weniger (muss ja nicht immer von Anfang an sein) einmal im Leben begehen:


-den Camino Frances (den derzeitige Hauptweg)

-den Camino de la Costa, der später zum Camino del Norte wird

-den Camino Portugues

-den Camino de Madrid


Egal aus welchen Gründen Sie nach Santiago de Compostela pilgern: Sie werden es niemals bereuen und es wird ihr Leben verändern. Sie sollten den Weg auf jeden Fall gehen, wenn sie einen Neustart im Leben brauchen oder wenn Sie sich völlig in der Bedeutungslosigkeit von Reichtum und Macht verwickelt haben, denn wie sagte schon Mahatma Ghandi:



Reich wird man erst durch Dinge die man nicht begehrt.